November 1918*1989
 
Das Theater der Klänge ist eine freie Gruppe mit außerordentlich hoch entwickelten Sinn für Stil. Ihnen fehlt das verschwitzte Pathos der anderen freien Gruppen völlig. Sie imitieren jeden Stil so perfekt, als ob sie ihn neu erfänden. Diesmal hat das "Theater der Klänge" das Agitprop-Theater der zwanziger Jahre auferstehen lassen und es mit neuen technischen Medien und raffinierten Geräuschkompositionen angereichert. Wiederum: wunderbar perfekt. Kurz vor Schluß kommt die Nachricht von der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs in eine optimistische Sozialistenrunde. Die Trauer, die dann folgt, ist pathetisch ernst. Die Internationale wird nur noch melancholisch weitergesummt. Beim Schlußapplaus greift die elektroakustische Musik das Thema auf, variiert es, halb traurig, halb heiter. Unwillkürlich summt man mit, und beim Hinausgehen pfeifen viele die Internationale vor sich hin. So ist die Stilkopie komplett.
Die Tageszeitung
 
 
Zum authentischen Fundus an Gesprochenem, Gedrucktem, Gefilmtem und in heutiger Zeit elektronisch Aufgezeichnetem trat die phantasievoll stilisierte eigene Erfindung, oft Quintessenz aus eigenen Gesprächen mit Augenzeugen, die während der Vorbereitung auf die "November"-Produktion auch in Dessau geführt wurden. Im Ergebnis gerade dieser Kontakte "vor Ort" glückte den Düsseldorfern eine Handvoll Typen-Portraits von Deutschen, wie man ihnen in solch praller, grotesker Wahhaftigkeit auf Theater- und Kabarettbühnen in den Jahren seit 1989 sonst kaum begegnete. Stark in der Wirkung auch einzelne szenische Metaphern: Tanz und Aufbruchsversuch der Utopie, die immer wieder gezügelt (oder pro Forma angestachelt) wird vom 'langen Arm' der Administration; das ganze Bewegungsbild im bitteren Kontrast zu den Hoffnungsworten Stefan Heyms am 4. November '89 auf dem Berliner Alexanderplatz. Oder: Die schrittweise Demontage und Beschmutzung eines Arbeiterdenkmals durch jene, die zuvor ihren Helden monumental flankiert haben.
Mitteldeutsche Zeitung
 
 
Unter der Regie von Jörg U. Lensing greift das Ensemble, daß das Stück in Zusammenarbeit mit dem Bauhaus Dessau inszeniert hat, die Traditionen der Arbeitertheaters der zwanziger Jahre auf, ohne ihnen jedoch ganz zu verfallen. So bleibt in den fast drei Stunden noch Raum genug für Kabarett, Groteske und Clownerie, meist dann, wenn die 89er Revolution aufs Korn genommen wird. Lebendiger und farbiger kann man die Historie kaum "Revue" passieren lassen, drei Pflichtstunden nicht nur für die Geschichtskurse der Oberstufe.
Westdeutsche Zeitung
 
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  25 Jahre THEATER DER KLÄNGE