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| Von Nixen und Küstenbienen |
Düsseldorf · Das Theater der Klänge bietet "Coastal Souls / Mermaid Echoes" eine zauberhafte Tanzproduktion im Templum dem Festsaal der ehemaligen Landeskliniken Grafenberg
Seit über hundert Jahre blickt die Kleine Meerjungfrau sehnsüchtig auf die unendliche See. Die Figur am Langelinie-Kai in Kopenhagen ist eine der bekanntesten Attraktionen Dänemarks. Ihr Körper basiert auf der Frau des Künstlers Edvard Eriksen, während das Gesicht von der Ballerina Ellen Price inspiriert wurde. Für einen Monat kann man derzeit auf der Bergischen Landstraße dem Mythos dieses Bildes nachspüren. "Coastal Souls / Mermaid Echoes" heißt eine zauberhafte Tanzproduktion im Templum, dem Festsaal der ehemaligen Landeskliniken Grafenberg.
Das Theater der Klänge hat archetypische Frauenfiguren aus Griechenland, dem Baskenland und Norwegen zu einer 90- minütigen Huldigung weiblicher Küstenbewohnerinnen verbunden – von der Kapitänin über die Strategin bis zur Nixe. Ein Holzsteg aus Treibholz verbindet Bühne und Zuschauerraum, während Projektionen das Ganze in eine atmende Landschaft zwischen Traum und Realität verwandeln.
Alles wird dominiert von einem Klangbild aus Rauschen und Plätschern, dem Wellenschlag des Meeres. Hier erledigen, so soll man es wohl deuten, europäische Frauen täglich eine immer gleiche, mühsame Arbeit. Man säubert und flickt Netze, räumt sie frei vom Beifang aus Müll und hängt sie dann zum Trocknen aus. Überall warten Seile darauf, nach dem Gebrauch wieder ordentlich sortiert zu werden. Das Ganze geschieht in einem Wechselbad aus Melancholie und quirliger Betriebsamkeit.
Es sind vier junge Tänzerinnen, die von der Choreografin Jacqueline Fischer zu diesem Stimmungsbild verbunden wurden: Mariane Verbecq, Julia Monschau, Angela Matabuena und Antonia Thomsen. In ihren Arbeitskitteln wirken sie zunächst wie traurige Arbeitsbienen, und so klingt auch der Refrain ihrer Lieder. Abwechslung bringt das laute Tuten einer Sirene. Sofort rennen alle sehnsüchtig zur Kaimauer, den Blick erwartungsvoll auf das nahende Schiff gerichtet. Mit der Fracht könnte auch ein Ehemann gekommen sein, den man so lange vermisst hat. Jetzt haben die Lieder einen fröhlichen Nachhall. Doch prompt folgen Gesten der Enttäuschung. Mehr noch: Im Treibgut schwimmt eine Matrosenmütze.
Sobald sich die Aufregung gelegt hat, ist wieder Zeit zum Träumen. Vom großen Glück, von der großen Liebe, von edel gekleideten Wassernixen, die sich durch die Wellen schlängeln. Im ständigen Wandel von exaltiertem Tanz in flirrendem Licht und melancholischem Verharren vergeht die Zeit. "Wenn Frauen warten, entsteht Tanz" heißt es im Untertitel der überaus sehenswerten Performance. Die Inspiration für diese Tanzerzählung hat sich das Ensemble zusammen mit dem Sounddesigner Jörg U. Lensing und dem Video-Zauberer Varun Krishnan auf Reisen in drei europäische Küstenregionen geholt. Vielleicht aber auch bei dem großen Märchenerzähler Hans Christian Andersen. |
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Claus Clemens |
Rheinische Post – https://rp-online.de |
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| Wunsch trifft Wirklichkeit |
Die Küste", das ist nicht etwa eine Linie, die Wasser von Land abgrenzt, sondern ein Raum, ein Lebensraum, wenn nicht gleich eine ganze Region, die oft genug von widrigen Lebensumständen geprägt ist. Zugleich ist es eine Gegend, die für harten, rauen Alltag, aber auch für Sehnsüchte und Mythen steht. Wo Meeresstürme besondere Widerstandskraft erfordern, müssen die Wünsche und Hoffnungen der Menschen oft zurückstehen. Choreografin Jacqueline Fischer wollte sich auf die Faszination von Brandung und Fernweh, kargem Broterwerb und auch Überlebenskampf der Menschen auf dem Meer einlassen und hat sich seit 2023 auf mehrere Recherche-Reisen begeben, um die Frauen in solchen Landschaften nach ihren Wahrheiten zu befragen. Dabei ging es ihr nicht um ideologisch-feministische Klagen, wie bedauernswert etwa Fischersfrauen unter der Männerherrschaft zu leiden haben. Vielmehr erlebte sie die Frauen als "Heldinnen des Alltags" in einer tragenden und selbstverständlichen Rolle, wenn sie etwa Familien oder ganze Gesellschaften zusammenhalten. Egal, ob 2023 im norwegischen Hammerfest oder zwei Jahre später im griechischen Ermioni und im Baskenland. Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse hat Fischer in Tanztheater umgesetzt. Coastal Souls – Mermaid Echoes nennt sie ihr neuestes Werk, Tanztheater, das bewusst Genregrenzen ignoriert, um vor allem Atmosphäre und Gefühle zu transportieren und so eine neue Geschichte zu erzählen.
"Das Meer bestimmt sowohl den Ort, an dem man ist, als auch den Menschen. Die wirtschaftlichen Ereignisse und Situationen, die Frauen, wenn sie zusammenkommen und ein gemeinsames Ziel sowie einen gemeinsamen Zweck verfolgen, dann glaube ich, dass sie Großartiges leisten können." Das sagt Bobolina von der griechischen Insel Spetses. Auch wenn es Fischer fern liegt, eine Sozialdokumentation zu zeigen, will sie nicht auf Zitate der interviewten Frauen verzichten, und so werden Gesprächsausschnitte als Übertitel eingeblendet werden, wenn die O-Töne von der Festplatte eingespielt werden. Aber bis dahin dauert es noch eine Weile. Im Düsseldorfer Templum, das mal wieder gut durchgekühlt ist, haben Nikos Salamouris und Rainer Ortmann eine Bühne mit verschiedenen Ebenen eingerichtet. Während die höher gelegene, ursprüngliche, eher kleine Bühne für Intermezzi eher privater Szenen dient, sind davor Planken als Podeste aufgebaut. Ein "Felsen" bietet eine weitere Spielmöglichkeit. Julio Escobar reizt die ihm zur Verfügung stehenden Beleuchtungsmittel maximal aus – oft, um die Bühne in größtmögliche Dunkelheit zu tauchen und so beispielsweise reizvolle Glitzereffekte in Verbindung mit den Kostümen zu erzielen. Die Kostüme, eine Mischung aus Seemannstrachten, Arbeitskleidung für die Frauen, aber auch Hochzeits- und Trauerkleider hat Caterina Di Fiore in Zusammenarbeit mit dem Ensemble erarbeitet. Besonders aufwändig ist dabei das Kostüm der Meerjungfrau entwickelt. Varun Krishnan nutzt die Vorhänge im Hintergrund der ebenerdigen Bühne für die flächenfüllende Projektion schwarzweißer Videos, die das Meer in Zeitlupe zeigen und damit extrem zur düsteren bis bedrohlichen Atmosphäre beitragen. Ein fast schon überwältigender Effekt.
Auch die Klangeinspielungen von Jörg U. Lensing, eine Mischung aus dem niemals versiegenden Meeresrauschen, mal an-, mal abschwellend, den Originaltönen der interviewten Frauen, situativen Musiken, bei denen auch schon mal ein Walzer erklingen darf, unterstützen kongenial das "wirkliche Märchen". Fischer hat dazu unterschiedlichste Situationen miteinander verwoben. Die alltägliche, einfache, auch zermürbende Arbeit, der Schmerz über die Trennung vom Liebsten und Vater der Kinder, der zur See fährt, die drohende Katastrophe im Meeressturm werden mit Alltagsszenen, aber auch Sehnsüchten, Träumen und Abschieden verwoben. Ein besonders gelungener Einfall ist die Meerjungfrau mit ihren mehrfachen Auftritten, die das Märchenhaftmystische unterstreicht. Auch Kritik darf nicht fehlen, hält sich aber in erträglichen Grenzen, wenn etwa der empathielose Besuch aus der Stadt zum Kaffee kommt oder die Meerjungfrau von Netzen und Plastikmüll befreit werden muss.
In dichter Gemengelage kommen den Tänzerinnen deutlich mehr Aufgaben zu, als sich auf die Bewegung zu konzentrieren. Mariane Verbecq, Julia Monschau, Ángela Matabuena und Antonia Thomsen meistern die Abläufe fabelhaft und mit viel Spielfreude. Kaum ein Szenenwechsel kommt ohne neue Kostüme aus, nebenher müssen die Plankengerüste ebenso verschoben werden wie der Felsen. Und ganz nebenbei sind auch noch fröhlichkämpferische Gesänge wie das Lied der Netz-Arbeiterinnen, Penn Sardin, und das Lied der Arbeiterinnen, La révolte des sardinières, zu absolvieren. Versöhnlich endet der Abend mit dem klassischen griechischen Tanz Zeibekiko, der die Freiheit des Geistes sowie Leidenschaft, Gefühlsausdruck und Männlichkeit widerspiegelt.
"Wind, Licht und die Jahreszeiten prägen den Alltag Es geht nicht darum, sich selbst zu überfordern, sondern zuzuhören. Wenn die Insel sprechen könnte, würde sie sagen: ‚Ich bin schön, kraftvoll und verletzlich. Kümmert euch um mich. Wir gehören zusammen‘", sagt Oddveig aus Sørøya. Jacqueline Fischer ist mit ihrer neuen Arbeit ein ganz außerordentliches Stimmungsbild gelungen, das das Publikum über eineinviertel Stunden fesselt. Erneut beweist das Theater der Klänge damit seinen hohen Qualitätsanspruch. Ein Besuch der Küstenbewohnerinnen ist mehr als empfehlenswert. |
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Michael S. Zerban |
O-Ton Kulturmagazin - https://o-ton.online |
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| Gesang der Sirenen |
"Coastal Souls – Mermaid Echos" feiert Premiere im Templum Düsseldorf
Zwischen Norwegen, Griechenland und dem Baskenland tobt das Meer, und die vielgestaltige Frau verwandelt sich – ein spannender Tanzabend von Jacqueline Fischer.
Ein langer Steg verläuft bis zur Bühne. Die Zuschauer*innen nehmen an seinem Ende Platz, finden sich in einer ungewohnten Atmosphäre wieder. Die Bühne glitzert, als glitten sanft schimmernde Wellen über sie hinweg. Liegt Düsseldorf mit einem Mal am Meer?
"Coastal Souls – Mermaid Echos": So lautet der Titel der Produktion, die das Theater der Klänge im Templum auf die Bühne bringt. Meeresrauschen und Möwenschreie erfüllen den Raum, sie werden durch Projektionen von Meer und Küste erweitert. Sie füllen den Raum bis zum Horizont, ja, öffnen ihn in die Unendlichkeit. Wie Gemälde stehen die Projektionen in Osmose mit der Lichtarbeit und der Klangwelt, und schon beim Betreten des Theaters wird eine kollektive Arbeit sichtbar.
Noch ist kein tanzender Körper zu sehen, und doch hat die Reise bereits vor längerer Zeit begonnen. Choreografin Jacqueline Fischer startet ihre Recherche im norwegischen Hammerfest, setzt sie dann im Baskenland und in Ermioni in Griechenland fort. In griechischer Sprache werden die Geschichten rund um das Meer erzählt, die das Stück eröffnen, gefolgt vom Seemannsgesang der vier Tänzerinnen, die die Bühne betreten, als glitten sie in einen Hafen.
Diese Frauen lassen uns an ihrem Leben teilhaben, mit Verrichtungen aus ihrem Alltag. Mitreißend wirkt ihre Bühnenaktion. Das Publikum hat sofort lebhaften Anteil an ihrer Arbeit, ihren Hoffnungen und ihrer Gemeinschaft. Doch diese Frauenfiguren verwandeln sich unablässig. Mal sind sie Fischerinnen, dann erscheinen sie wie Seeleute, Kapitäninnen, Sirenen. Als geisterhafte Erscheinungen setzen sie die Fantasie in Gang, eröffnen Räume des kollektiven Imaginären.
Während der Einsatz einer Vielzahl von Objekten das Risiko birgt, die Aufmerksamkeit des Publikums zu zerstreuen oder in eine illustrative Darstellung abzugleiten, tragen die Objekte von "Coastal Souls – Mermaid Echos" zur Schaffung eines Alltagsuniversums bei und lassen uns in die Geschichte eintreten. Die Feinheit der Konzeption des Stücks liegt darin, niemals ins Klischee zu verfallen, sondern uns an den Anekdoten der vier Frauen des Meeres teilhaben zu lassen. Wie eine gigantische choreografische Collage zwischen Tanz und Theater.
Szene reiht sich an Szene, und wir finden uns hinter einem Schleier wieder, Zeug*innen dieser Geschichten, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Im Sturm sind die Stimmen der Tänzerinnen kaum verständlich und eröffnen Interpretationsspielräume, die wir entwirren müssen wie die Taue, mit denen auf der Bühne hantiert wird.
In einem Bühnenbild, das sich zum Horizont hin öffnet und zur Kontemplation einlädt, werden die Körper der Tänzerinnen dennoch stark beansprucht, rhythmisiert von einer Klangwelt, die an Häfen und stürmische Reisen erinnert. Mitunter poetisch, dann wieder rau, zeigen die Körper die Spuren dieses maritimen Universums.
Nach der Vorstellung, wenn sich der Sturm gelegt hat und der Strand erscheint, bleibt in unseren Gedanken vor allem DIE Frau zurück, eine Ikone der Arbeit und des Meeres mit vielen Facetten. die uns eineinhalb Stunden lang in eine tiefe Kontemplation versetzt hat. |
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Aline Braun |
tanznetz.de |
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