Der Silberprinz
 
Theater der Klänge über Walter Gropius
...im Stil des epischen Theaters. Man bleibt auch ästhetisch komplett in den zwanziger Jahren mit Projektionen als Zitat des Piscator Theaters, im Prinzip ein Berthold Brecht Lehrstück mit vielen Informationen, aber ohne so eine Moral die dort immer hineingeprägt wird. Allerdings springt das Stück mosaikartig zwischen den Zeiten hin und her.

Durch den ganzen Abend zieht sich die Frage, dass sich die Küntler nie sicher sein können, ob sie wirklich gewollt sind. Sie müssen ständig darum kämpfen, auch ökonomisch, dass sie ihre Arbeit überhaupt weitermachen können.

Es ist ein Abend der unglaublich prallvoll ist mit Verweisen. Es erfodert eine hohe Konzentration diesen Abend zu genießen. Dann bietet er einem aber auch unglaublich viel. Eine wunderschöne Szene zum Beispiel ist das Kennenlernen seiner zweiten Frau: Beide spielen nur mit ihren Blicken und der Dialog setzt sich als Toneinspielung fort. Das ist ein geradezu magischer Moment.

Man bekommt hier wirklich sehr viel mit über Walter Gropius, das Bauhaus und den Aufbruchsgeist der zwanziger Jahre. Eine Utopiefähigkeit von Kultur und eben auch ein selbstbewußtes Kämpfen darum, damit man die Kultur weitermachen kann. Wenn es eine aktuelle Aussage des Stücks gibt, dann ist es die: Wir dürfen nicht bequem sein, wir müssen für das was wir wollen auch kämpfen.

Eine unbedingte Empfehlung!

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-mosaik/audio-theater-der-klaenge-ueber-walter-gropius-100.html
Stefan Keim (Zitate aus mündlichem Interview)
WDR3 - Mosaik
 
 
Harter Stoff
Alles auf Anfang. Wir schreiben das Jahr 1919. Die Monarchie in Deutschland ist beendet. Der Kaiser im Exil. Das Land steht vor dem Aufbruch, erholt sich von den Schrecken des Krieges, von dem zu diesem Zeitpunkt keiner ahnt, dass er einmal der Erste Weltkrieg würde genannt werden müssen. Henry van de Veldes, Direktor der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst, schlägt als seinen Nachfolger einen 36-Jährigen vor, der sein Architekturstudium ohne Diplom abgebrochen, aber erste Berufserfahrungen bei Peter Behrens neben Mies van der Rohe und Le Corbusier gesammelt hatte. Walter Gropius führte die Hochschule und die Kunstgewerbeschule unter dem Namen Staatliches Bauhaus in Weimar zusammen. Damit begann eine beispiellose Ära der modernen Architektur, die bereits 1930 formal wieder endete, tatsächlich aber bis heute als Mythos fortwirkt. Regisseur Lensing, der vor Beginn des Drehbuchs im Bauhausarchiv Berlin sowie den Bibliotheken der Universität Weimar und der Stiftung Bauhaus Dessau ein intensives Quellenstudium betrieb, was dem Stück im positiven Sinne anzumerken ist, hat aus den Protokollen der Meisterrats-Sitzungen, aus Reden und allgemeinen biografischen Anmerkungen ein Werk erschaffen, das den Zuschauer fordert, ihm aber einen unvergesslichen Einblick in das Leben dieses ganz besonderen Menschen Walter Gropius liefert. In neun Bildern und 30 Szenen zeigen sechs Schauspieler in unzähligen Rollen ein Porträt, das man in dieser Eindringlichkeit selten findet. Ob die gescheiterte Ehe mit Alma Mahler, die spätere glückliche, aber kinderlose Ehe mit Ilse Frank, Partys oder die alltägliche Auseinandersetzung mit der Politik: Es gibt wohl kaum etwas, das bei dieser Prosektur außen vor bleibt.
Selbstverständlich ist das Bühnenbild beherrscht von kubischen Elementen. Daneben finden sich ein paar Tische, wenige Dekorationsgegenstände. Im Hintergrund befindet sich eine Projektionsfläche, auf der Lensing wertvolle Hintergrundinformationen und Fotos einblendet. Allein die Videoarbeit ist preisverdächtig. Markus Schramma sorgt mit begrenzten Mitteln für das Licht, schafft aber immer wieder großartige Effekte. Von überragender Qualität sind die Kostüme, die ganz wunderbar die 1930-er Jahre wiedergeben, häufig in rasender Geschwindigkeit gewechselt werden müssen und auf den Punkt typisieren.

23 Rollen müssen die sechs Schauspieler besetzen, und alle gelingen formidabel. Am eindrucksvollsten András Soskó als Walter Gropius, der den Silberprinzen, wie der Architekt wegen seiner früh ergrauten Haare und der "preußischen" Erscheinung genannt wurde, in typischen Bewegungen filigran nachzeichnet, wenn auch vielleicht ein wenig milder als im tatsächlichen Leben.

Fantastisch in ihrer Spielfreude, bezaubernd im Auftritt, mal ein wenig frivol, mal keck, dann auch liebevoll und einfühlsam bis hin zur gekonnten dramatischen Pose: Miriam Gronau kann hier alle Seiten ihres Könnens zeigen, und das gelingt ihr mit überwältigendem Verve.
Manuel Rittich gefällt ganz besonders in der Rolle des Oskar Schlemmer, den er als überdrehtes Bühnentier gibt und damit bei aller Ernsthaftigkeit auch komische Elemente ins Spiel bringt.
Aber auch die übrigen Rollen, vor allem den Dessauer Bürgermeister Hesse, nimmt man ihm gerne ab. Ebenfalls großartig ist Simon Fleischhacker zu erleben, der Typen wie Max Thedy, Lyonel Feininger oder Hannes Meyer, den Nachfolger Gropius‘ in idealer Weise verkörpert.
Raoul Migliosi glänzt vor allem als László Moholy-Nagy, einer der Lehrer am Bauhaus, den Gropius als seinen Nachfolger bevorzugt hätte.

Regisseur Lensing gelingt es, nicht nur die Verdienste von Bauhaus und Gropius zu zeigen, sondern vor allem auch den Nervenkrieg im ständigen Kampf um seine Person und die Institution. Der Vergleich zum Überlebenskampf etlicher Theaterhäuser drängt sich auf. Anstrengend wird es für den Zuschauer vor allem deshalb, weil das zweieinhalbstündige Stück sehr textlastig ist. Die mosaikartige Zusammensetzung der Szenen erfordert höchste Konzentration. Belohnt wird man trotz etlicher Rampen-Ansprachen mit emotionalen Momenten und Hintergrundeinblicken. Trotzdem: Mehr dieser wunderbaren Musik- und Tanzeinlagen hätten sicher nicht geschadet. Insgesamt bleibt es ein absolut empfehlenswertes Stück modernen, politischen Theaters, das über den Tag hinaus zu denken gibt und gleichzeitig beste Unterhaltung bietet.

Das Publikum sieht das auch so und applaudiert nachhaltig – auch wenn es dann froh ist, die Bestuhlung, die nicht auf eine längere Nutzung ausgerichtet ist, verlassen zu dürfen.

https://o-ton.online/aktuelle_auffuehrung/o-ton-duesseldorf-silberprinz-zerban-180111/
Michael S. Zerban
O-Ton - Kulturmagazin
 
 
Theater der Klänge zeigt neun Jahre Gropius
Max Thedy ist außer sich. Die Haare schmierig nach hinten gegelt, sitzt er im Gasthaus Zum weißen Schwan. Gropius, so behauptet er, züchte ein Kunstproletariat heran. "Wer will sowas in Weimar" spottet Thedy - sein Gesicht ist wutverzerrt, der dunkle Schnurrbart zittert bei jedem Wort. "Das Bauhaus wird zum Tollhaus."

In jenem Moment schreibt die Bühne im Collenbach-Saal das Jahr 1919 - eine Zeit, in der längst nicht jeder von den Ansichten des Architekten Walter Gropius begeistert ist. Einer seiner größten Kritiker ist Max Thedy, Künstler und Professor der Kunsthochschule Weimar.

"Der Silberprinz" ist der Titel des neuen Stücks, das das Theater der Klänge nun in Düsseldorf präsentiert. Darin werden die Türen zur Kunstschule Bauhaus geöffnet, die Zuschauer bekommen einen Einblick, wie es in den Werkstätten und Ateliers unter Gropius zuging: wie gefeiert und diskutiert wurde - aber auch, welche Machtkämpfe und Zerwürfnisse es hinter den Kulissen gab. "Silberprinz" heißt das Stück, weil Walter Gropius so genannt wurde; wegen seiner früh ergrauten Haare, und weil er stets einen noblen Auftritt hinlegte.

Der Architekt Walter Gropius wird in der Produktion aus der Sicht von neun Personen charakterisiert: Seine Ehefrauen kommen dabei ebenso zu Wort wie Künstler und Kollegen. Was sich in den neun Jahren Bauhaus unter Walter Gropius ereignet hat, ist in der Inszenierung nicht chronologisch zu sehen - die Handlung wird durch Rückblicke ergänzt. Auf einer Leinwand gibt das Theater der Klänge seinem Publikum eine Orientierung, blendet Jahreszahlen ebenso wie den Ort des Geschehens ein. Es folgt etwa eine Rückblende ins Jahr 1919, als Gropius (gespielt von András Sosko) einst die Ausstellung an der Kunsthochschule mit einem vernichtenden Urteil quittierte: "Fertige Bilder, gefüllte Rahmen, aber für wen eigentlich?" Jener Moment dürfte auch das erste Mal den Unmut des damaligen Professors Max Thedy ausgelöst haben. Gropius' Ansicht, Künstler seien nichts anderes als eine Weiterentwicklung der Handwerker, lässt bei vielen Unmut schwelen: Gropius wird für Konservative und nationale Sozialisten zum erklärten Antagonisten.

Doch der "Silberprinz" überzeugt nicht nur mit lautem Krawall: Selbst in wortlosen Dialogen - etwa bei den Treffen zwischen Gropius und seinen Frauen - schaffen die Darsteller es, eine Spannung zwischen den Figuren aufzubauen. Kaum vorstellbar, dass es nur sechs Schauspieler sind, die die zehn Hauptrollen und zahlreichen Nebenrollen mit Leben füllen.

Auch bloße Requisiten werden in "Der Silberprinz" zu Bedeutungsträgern. Wenn Alma Mahler im Streitgespräch mit Gropius zu den Abschminktüchern greift, ist es zugleich ein Moment der Demaskierung. Derart bloßgestellt kommen der Grande Dame die Tränen über ihre Trennung. Kleine Bauklötzchen zeigen hingegen, in welcher Beziehung die Künstler zu Gropius stehen: Die einen stoßen sie um, Künstler Moholy aber schafft aus ihnen ein neues Gebilde. Es ist jener Moment, in dem sein Potenzial erkannt wird. Und Gropius schlägt ihn als seinen Nachfolger vor.

In charmanter Art schafft es das "Theater der Klänge", das Publikum zu Akteuren des Stücks werden zu lassen. Denn während Reden gehalten werden, etwa wenn Walter Gropius die erste Bauhausausstellung eröffnet, mischen sich die Darsteller unter die Zuschauer und befeuern die Rede des Architekten mit Beifall, Lachern oder Zwischenrufen. So wird das Publikum Teil der Zuhörerschaft um 1923 - es kann auch passieren, das Gropius höchstselbst neben einem Theatergast sitzt.
Nathalie Urbig
Rheinische Post
 
 
Bühnenstück zeigt das Leben des Bauhausbegründers
Das Theater der Klänge porträtiert mit dem Stück "Der Silberprinz" den Architekten Walter Gropius.

"Der Silberprinz" heißt ein Buch und Theaterstück des Regisseurs und Komponisten Jörg Udo Lensing. Hinter dem Titel verbirgt sich keine fiktionale Märchenfigur, sondern der ganz reale Architekt Walter Gropius (1883-1969). Aufgrund seines früh ergrauten Haares und der Noblesse seines Auftretens bekam er den Spitznamen "Silberprinz". Jetzt entsteht im Düsseldorfer Theater der Klänge eine musikalisch-szenische Produktion rund um den Begründer des Bauhauses.

Im Zentrum der Handlung steht die Zeit zwischen 1919 und 1928. In diesen neun Jahren leitete Gropius persönlich die Kunstschule "Staatliches Bauhaus" in Weimar. Die Zeit war geprägt von politischen Querelen um das Bauhaus. "Neun Blicke auf Walter Gropius und das Bauhaus" lautet der Untertitel des Stücks. Auch das Privatleben des frühmodernen Künstlers soll beleuchtet werden.

"Das Bauhaus ist zu einem Kunst-, Design- und Architekturmythos für die Moderne der zwanziger Jahre geworden", sagt Jörg Udo Lensing im Gespräch mit der WZ. Dabei vergesse man heute schnell, was und welche Visionen dazu geführt hätten und wie schwer dieser Umbruch nach dem Ersten Weltkrieg gewesen sei. Noch heute stellten sich die Fragen: "Was waren die Visionen einer neuen Gesellschaft und eines neuen Menschen und wie konkurrierten diese Visionen, alte Traditionen und politische Absichten damit?" In der Person von Walter Gropius würden sich alle diese Fragestellungen sammeln, sagt Lensing. "Nicht umsonst war er der Gründer und langjährige Direktor beider Bauhäuser in Weimar und Dessau 1928, ein ausgebrannter Mann."

Es gibt Original-Tanzmusik aus den 20er Jahren zu hören
Sechs Schauspieler sollen in fliegendem Wechseln die zehn Hauptrollen und zahlreiche Nebenrollen spielen. Mit minimalen Bühnenmitteln will man jene Räume andeuten, in denen Geschichte geschrieben wurde. Der Fokus liegt auf den "Hinterzimmerverhandlungen" und den öffentlichen Reden, sagt der Autor. Das textintensive Stück biete mit 30 Szenen und zweieinhalb Stunden Spielzeit eine intensive Reflexion über das Entstehen, das Durchsetzen und das sich andeutende Scheitern der Moderne.

Im Theater der Klänge spielt Musik eine tragende Rolle. Die Darsteller müssen viel selber machen, Eigeninitiative, die auch am historischen Bauhaus auch üblich war. Darüber hinaus setze man Originaltanzmusik aus den zwanziger Jahren ein, darunter Grammophonplatten und Sounddesignelemente. Mit dem Stück wendet sich das Theater zunächst an ein Publikum, das an Kulturhistorie und da insbesondere an den aufregenden zwanziger Jahren Interesse hat. Aber das Stück soll noch mehr Menschen ansprechen. Lensing: "Wir wenden uns auch an ein Publikum, das mal hinter die Kulissen von nach wie vor aktuellen kulturpolitischen Machenschaften und hochschulpolitischen Abläufen schauen will."
Lars Wallerang
Westdeutsche Zeitung (WZ)
 
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