Trias
 
Der Mensch kann einfach nicht anders als ein Animist zu sein und in alles, was ihn umgibt etwas Lebendiges hineinzuprojizieren. Lächelnde Steckdosen, launige Autos – kein Wunder, dass sich zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, als neue Technologien immer mehr die Lebenswelt bestimmten, die Künstlerjugend amüsierte über solche Seelen-Sehnsüchteleien. 1923 – Fritz Langs Maschinenhorror Metropolis ist noch nicht gedreht – da erfinden die Bauhausstudenten Kurt Schmidt und Georg Teltscher das mechanische Ballett: Maschinenungetüme aus Bauklötzchen, bunten geometrischen Platten, die auf der Bühne nicht etwa nur tanzen. Wenn sich die Formen der Figurinen langsam ineinanderschieben, dürfte auch der Letzte im Publikum kapieren, dass hier zwei Maschinenwesen Sex haben. Die Liebe in Zeiten der Techniktyrannei.

Vor 30 Jahren gründeten mit einem Re-Enactment dieses Aktes acht ehemalige Studenten der Folkwang-Hochschule das Theater der Klänge. Seitdem hat die in Düsseldorf ansässige Gruppe immer wieder historische Theaterformen belebt, etwa die Commedia dell'Arte oder sie blickten voraus und erfanden einen Multimediatanz mit Computern – gewissermaßen das heutige Pendant zu ihren Bauhausadaptionen. Nach eher schwächelnden Polit- und Psychologieproduktionen gelang ihnen mit einem weiteren Bauhaustanz vor zwei Jahren wieder ein großer Coup: die Rekonstruktion von Oskar Schlemmers legendärem triadischen Ballett mit 18 selbst gebauten Figurinen und neu komponierter Musik von Thomas Wansing.
Eine Tänzerin sitzt in einem bonbonbunt geringelten Tellerrock aus Kunststoff auf der Bühne, das sperrige Kostüm lässt sie wie ein Kreisel aussehen. Sie schnörkelt mit barocker Eleganz die Hände, erwacht zum Leben wie einst die Spielzeuge im berühmten Ballett "Die Puppenfee" aber mit der Melancholie der Marionette, die um die Begrenztheit ihrer Existenz weiß.

Das ist überhaupt das Großartige an dieser Neuinszenierung von Regisseur Jörg Lensing und Choreografin Jacqueline Fischer: sie freut sich nicht nur über den "kubistischen Scherz", wie damals die Zeitgenossen über Schlemmers verrückten Kostümtanz lästerten, sondern Lensing und sein Team erzählen mit ihren Szenen viel über die Themen, die Zeit und über Oskar Schlemmer selbst. Über seine Abneigung gegen den klassischen Tanz etwa, wenn sie einer Spitzentänzerin im überdimensionierten Tutu einen ziemlich plumpen Prinzen im dickwattierten Fatsuit an die Seite stellen. Und über die Kriegstreiberei und den Militarismus der Zeit mit Figurinen, die ganz entgegen der püppihaften Niedlichkeit ihrer Kostüme, soldatisch aufmarschieren und etwa zum rockigen Cellosound à la Apocalyptica mit albernen Actionheldsprüngen männlichen Körperkult und Machismus karikieren.

Choreografin Jacqueline Fischer mixt Streetdance, Spitzen- und Standardtanz, Folklorezitate und verweist schließlich auf den zeitgenössischen Tanz, wenn am Ende mit den klassischen Bauhausfarben rot, gelb und blau der damals von vielen Wortführern beschworene "neue Mensch" geboren ist. In der Realität ist er dann in Gestalt von Hitlers zähen Windhunden brutal über die Welt gekommen.

Auf der Bühne vom Theater der Klänge setzt man auf Schlemmers Utopie, dass mit einer neuen Ästhetik auch eine geläuterte Ethik einhergehen könnte. So ist die Neuinterpretation des schrulligsten Balletts der Tanzgeschichte durch das Theater der Klänge nicht nur liebevolle Hommage, sie ist auch eine kluge, ideenreiche Auseinandersetzung mit einer Epoche der Hoffnung und des Aufbruchs, geprägt von der wissenden Melancholie der Nachgeborenen.


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Nicole Strecker
Deutschlandfunk 14.10.2017 zur Aufführung im Capitol Theater
 
 
Fest in Form und Farbe
Schon in ihrer allerersten Produktion vor 28 Jahren hat sich die Düsseldorfer Gruppe THEATER DER KLÄNGE als Bauhausexperten etabliert. Mit dieser Produktion knüpfen sie daran an und tatsächlich kann man sich kaum ein besseres Remake des triadischen Balletts vorstellen als ihre famose Adaption. Ein zeitgenossisch reflektierter Meta-Schlemmer aber eben auch ein liebevolle historische Hommage.
Nicole Strecker
www.wdr3.de/buehne/oskarschlemmer110.html
 
 
"Trias" feiert Premiere im FFT Juta
Das Düsseldorfer "Theater der Klänge" stellt in diesen Tagen eine zauberhafte Neuinterpretation im FFT Juta vor. Der Andrang ist riesig. Bei der ausgebuchten Premiere vertrauten einige Besucher ohne Karte auf ihr Glück, manche harrten eine Stunde an der Kasse aus. Auch die Veranstaltungen an diesem Wochenende sind bereits ausverkauft.
"Trias" beschert dem Publikum eine außergewöhnliche Reise voller Poesie und Humor. Die Inszenierung von J.U. Lensing unter der choreografischen Leitung von Jacqueline Fischer hält sich exakt an die vorgegebene Folge von elf Szenen.
Es treten phantasievoll ausstaffierte Figuren auf: der Zylindermann, die Glockenpuppe, die Scheibentänzer, die Drahtleuchtfigur, die wie eine strahlende Sternenfee über die schwarze Bühne schwebt. Als Cello-Clown und Herrscher über ein komplettes Mini-Orchester, das er am Leib trägt, zitiert Kai Bettermann die Revuen der "Golden Twenties".
Nur das Schlussbild entfernt sich mit einer eigenen Interpretation von Schlemmers Abstraktions-Idee. Phaedra Pisimisi, Elisa Marschall und Darwin Diaz lassen ihre roten, gelben und blauen Reifröcke nur so fliegen. Hier schweigt die Musik, nur das Rascheln des Stoffes ist zu hören. Bis sich die drei aus ihren strengen langen Roben schälen und ihr heiteres körperbetontes Spiel entfalten.
Ein stimmiger Schlussakkord für dieses erquickliche Ballett, das die Lebensfreude der 1920er Jahre und die unbändige Lust auf tänzerische Bewegung feiert. Der Musik kommt eine ebenbürtige Rolle zu. Wenn sie sich mitunter verselbständigt, spürt man erst recht, wie brillant Thomas Wansing (Klavier, Percussion), Beate Wolff (Cello) und Oliver Eltinger (Schlagzeug) aufspielen. Lautstarken Jubel aus dem Publikum gab es am Ende für alle Beteiligten.
Rheinische Post
www.rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/kultur/tanz-wie-zu-
 
 
Ein Augenschmaus für Schlemmer
Das Publikum im Düsseldorfer Forum Freies Theater ist begeistert - ähnlich wie vor fast 100 Jahren, als Oskar Schlemmer sein "Triadisches Ballett" aus der Taufe hob. Die Figurinen mit Tellertutu oder Tauchermaske, Zylindern oder Kugeln gleiten über die leere Bühne, entfachen tiefsinnigen Ernst oder Heiterkeit.
Musikalische und szenische Clownerien, die überwiegend durch die 18 grotesk surrealen Kostüme entstehen und mit zweiter und dritter Dimension spielen, ziehen in knapp 90 Minuten vorüber. Inszenierung (Jörg U. Lensing) und Choreografie (Jacqueline Fischer) orientieren sich am Original und an der Ästhetik der 20er-Jahre, wie auch die farbenfrohen Kostüme von Caterina di Fiore und die musikalische Begleitung von Thomas Wansing. Cello, Klavier, Perkussion und Schlagzeug treiben zwölf skurrile Szenen an, die bis heute als Meilensteine der Kunst gelten.
Fazit: Wenn diese tänzerisch reduzierte Performance auch eher ins Museum passt, so kann man sie doch Freunden des Balletts und der Bildenden Kunst empfehlen.
Hans-Georg Müller
www.derwesten.de/kultur/ein-augenschmaus-fuer-schlemmer-aimp
 
 
Ballett "Trias" in Düsseldorf: Fest der Formen und Farben
Am Ende ist die Tanzwelt wieder im Lot. Vor dem Finale des Kammerballetts "Trias" streifen die drei Tänzer ihre Kleider im Farbdreiklang von Rot, Blau und Gelb ab und zelebrieren eine raffinierte Akrobatik-Nummer. So geht Tanz heute! Zuvor entspann sich ein "Fest in Form und Farbe", wie es der Bauhauskünstler Oskar Schlemmer vor fast 100 Jahren für sein "Triadisches Ballett" angedacht hatte.
Die starr geometrischen Kostüme von damals milderte das Düsseldorfer Theater der Klänge bei der Premiere der Neuinterpretation am Mittwoch durch geschmeidigere Materialien und weiche Polsterungen ab. Dass der menschliche Körper sich nicht in ein völlig starres Korsett zwängen lässt, war die liebenswerte Antwort des kleinen Düsseldorfer Ensembles. Das Premierenpublikum spendete lang anhaltenden Applaus.
Leise, mit eleganter Armgestik und leichtem Trippeln auf der Stelle begann Phaedra Pisimisi im Rundrock die zwölfteilige Szenenfolge fast elegisch. Klar wie eine Bachsche Invention klang dazu die Begleitung des Komponisten Thomas Wansing auf dem Klavier. Wie ein Crescendo steigerten sich Musik und Bewegung.
Grandios die feurige Spirale 2 (Elisa Marschall)! Edel die metallischen Scheiben im Profil (Pisimisi, Darwin Diaz). Die Musik, nun ergänzt von Cello (Beate Wolff) und Schlagzeug (Oliver Eltinger), laviertezwischen sehr moderater Moderne und fetzigen, motorischen Jazz-Passagen. Die Tänzer kokettierten und triumphierten, gelegentlich erfrischend spitzbübisch, über ihre steifen Körper-Requisiten.
Marie-Luise Jeitschko
www.tanznetz.de/blog/26799/schlemmer-reloaded
 
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  25 Jahre THEATER DER KLÄNGE