Teufelskreise
 
Ungewöhnliche Darstellungsformen sind grundlegendes Konzept des Theaters der Klänge aus Düsseldorf. Der Name der freien Gruppe besagt es schon: Hier haben Musik und Geräusche besondere Bedeutung, viele Aufführungen sind auch als Hörspiele erschienen. Was nicht bedeuten soll, dass die Optik vernachlässigt wird, im Gegenteil. Das Theater der Klänge setzt sich immer mit Theatertraditionen und Spielformen auseinander. Das neue Projekt führt dabei tief in die Abgründe der Gegenwartsgesellschaft. "Teufels Kreise" erzählt von Armen und Obdachlosen, den Ausgestoßenen. Die Theatermacher haben viele Interviews mit Betroffenen geführt, insgesamt 14 Stunden Material sind dabei entstanden. Insgesamt 40 Szenen spiegeln die Ängste und Fantasien der Außenseiter.
WDR 3 - Mosaik
 
 
"Obdachlose, die ihren Einkaufswagen durch die Straßen schieben. Daneben Drogenabhängige, die für die nächste Portion Haschisch oder Heroin ihren Körper verkaufen. Sozialgeächtete auf der Einkaufsmeile, die von Privat-Sheriffs weggestoßen werden. (...) Der vielseitige Theatermacher verzichtet gänzlich auf sperrige, neuartige Mischformen von Tanz, Theater und Musik, die in der Vergangenheit häufig zum Nachdenken anregten. Stattdessen jagen seine Tänzer vorüber, spielen kurz 40 Szenen an, die jeder von der Straße oder von Dokumentationen in Film und Fernsehen kennt. Da mustern Mädchen, mit Handy und schicken Taschen in der Hand verächtlich einen Obdachlosen, der seinen Wagen durch die Gassen schiebt. Andere verabreden sich mit einem Freier oder werden von einer Freundin, die sich als Dealerin entpuppt, zum Koksschniefen verführt. Je höher die Dosis, desto hektischer werden sie, desto mehr sind sie bereit zu stehlen oder Männern zu sexuellen Diensten zur Verfügung zu stehen. (...) Ein Mix aus elektronisch aufgeladener Minimalmusik, Softpop und allerlei modischem Klangzauber sorgen für Tempo. (...) Aufhorchen lassen die eingespielten Original-Interviews mit Betroffenen. Zu Wort kommen da eine im Gefängnis einsitzende Drogenmutter, eine schwarz arbeitende Putzfrau, Stricher und ein Akkordarbeiter der Glashütte...."
Neue Rheinzeitung
 
 
"Am Ende hört man schreckliche Schreie hinter der Szene, aber die Menschen, die neugierig ihre Türen öffnen, schließen diese wieder fest hinter sich zu. Wir sollten uns der Not in unserer Gesellschaft nicht verschließen, das ist deutlich die Botschaft der neuen Produktion des "Theaters der Klänge". Regisseur Jörg U. Lensing ist Pierre Bourdieu gefolgt, um das Elend unserer Welt zu studieren. Er hat Drogensüchtige, Prostituierte, Obdachlose, Straffällige und Arbeitslose interviewt und daraus eine Hör-CD gemacht. (...) Manches erinnert an Stummfilmszenen, zumal auch der durchgehende Musikteppich oft die dramatische Wucht von Filmmusik hat. Andere Episoden werden als Tanzszenen erzählt, wobei in den Choreographien von Jacqueline Fischer die Gewalt eine wichtige Rolle spielt: unter Schülern, zwischen Mann und Frau, gegen Außenseiter. Besonders berührend sind jene Momente, in denen das Spiel fast unmerklich in Tanz übergeht: wenn die Verzweifelte mit sich und den Pillen kämpft, oder der Zwangsneurotiker mit einem Apfel und seiner Angst vor Beschmutzung...."
Westdeutsche Zeitung
 
 
"Sie sehen ihn nicht, den alten Mann in Lumpen, Ohrenklappenmütze auf dem Kopf, Pappkartonwägelchen mit Schlafsack im Gepäck. (...) Traurige Straßenszene. Soziales Elend in all seinen erschreckenden Spielarten. (...) Für wenige Minuten macht der Zuschauer ihre Bekanntschaft, wird ohne Umwege in ihre Geschichte geführt, erlebt mit, woran die Menschen leiden. (...) Und eigentlich handeln all' diese Geschichten von demselben Stoff – der Einsamkeit und ihrer zerstörerischen Kraft. Gespielt wird das alles sehr genau, sehr pointiert, ohne ins pantomimisch Übertriebene abzugleiten. Körperhaltung, Gesten, Mimik müssen das meiste erzählen, gesprochen wird wenig, dafür ist alles eingebettet in Musik. Nicht immer in die fetten Streicherklänge vom Anfang, mal sorgt ein Akkordeon für Frankreichcharme, dann wieder erklingen Repititionen elektronischer Sounds, die wie ein Puls pochen und sich in unerträgliche Crescendi steigern können, wenn Gewalt die Szene beherrscht. (...) Auch in ihrer aktuellen Produktion zeigt das "Theater der Klänge" also eine Kombination aus eigens entwickelten Klangkompositionen und Ausdruckskunst, mal Schauspielerei, mal Tanz, wie es die Szene erlaubt. (...) Das Ensemble will zum Hinschauen zwingen, den Unterdrückten eine Bühne bieten, damit ihr Elend sichtbar wird...."
Rheinische Post
 
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  25 Jahre THEATER DER KLÄNGE