Das Opfer
 
Es braucht eine Weile, bis man sich erholt hat. Dann tröpfelt Beifall auf die noch versteinerten Minen der Tänzer. Erst beim dritten Applaus sind die Zuschauer in der Lage, die hervorragende Leistung der Tänzer mit Getrampel und Beifall zu würdigen. (...) Ein Erlebnis zwiespältig wie wie ein Stierkampf, von dem einer der Tänzer anfangs erzählt: schwankend zwischen Ekel, Faszination am Rausch der Masse und der Macht, an der Archaik des Todes und der Gewalt und dem Entsetzen über diese Faszination. Die Gewalt, sie steckt in jedem von uns und sie ist ein Gruppenakt. Das macht das Stück klar (...). Die Choreographie von Joachim Schlömer, Jacqueline Fischer, Kerstin Hörner und Jörg Lensing verlangt von den Tänzern alle Energie und Präzision. (...) Kurz, prägnant und und vulkanisch eine Menge Stoff zum Nachdenken. (...) Der Experimentiergeist dieser Truppe hat wieder eine neue Seite aufgeschlagen.
Rheinische Post
 
 
Gewalt hat viele Gesichter. Das "Theater der Klänge" hat genau hingesehen, die Witterung aufgenommen, die sich beklemmend steigernde Spirale nachgedreht, den Schweiß hysterischer Gruppen-Dynamik in die Premierenluft gemischt und eine zunächst erschlagene, dann begeistert applaudierende Zuschauerschar hinterlassen. Die aktuelle Antwort auf Strawinskys "Frühlingsopfer"-Ballett von 1913 rückt hautnah, pausenlos, gnadenlos. Sie verzichtet auf erklärende Worte, überläßt Körper und Musik die martialische Sprache. (...) Dabei ist das rauschhafte Ausflippen eine erschreckend perfekte Choreographie in dumpf stampfenden Laufschritten, erschöpftem Luftholen. Die Hilflosigkeit des Opfers schmerzt. (...) Nach einer Aufführung, die nicht auf den Kopf, sondern in die Magengrube zielt und ein Kommentar zur wachsenden Brutalisierung sein will. (...) Spätestens jetzt wird wird die Inszenierung zum akustischen wie emotionalen Bombardement. Wagemutig balanciert sie auf dem Rasierklingen-Grat zwischen ästhetisierender Darstellung und Demaskierung von Gewalt-Mechanismen.(...) Im Rausch der Gewalt. Eine heftige Inszenierung des gesamten Ensembles vom "Theater der Klänge".
Neue Rhein Zeitung
 
 
Wenn sich die acht jungen Leute (drei Frauen, fünf Männer) anfangs noch über den Boden rollen, sich minutenlang schweigend hin- und her wiegen ahnt das Publikum noch nicht, welch orkanartiger Sturm kurz darauf durch das Juta (Junges Theater in der Altstadt) fegen würde.. Einen Kommentar zur Gewalt im 20. Jahrhundert liefert das Düsseldorfer "Theater der Klänge" mit seinem elften Stück, einer Bearbeitung des 1913 skandalträchtigen "Sacre du printemps" von Igor Strawinsky, dessen suggestive Musik ein Opferritual beschrieb. In seinem "Opfer" greift das Ensemble zu drastischen Mitteln, zieht uns in einen Sog exzessiver Gewaltdarstellung (...) Lange braucht das Publikum, um sich aus betäubter Erstarrung zu lösen. Zunächst ein zaghafter Applaus, der sich unerwartet steigert, honoriert eine beunruhigende, an den Nerven zehrende Aufführung, die einen mit Unbehagen entläßt.
Westdeutsche Zeitung
 
 
(...) diese mörderische Produktion, der sogar die Hälfte des Titels zum Opfer fällt. Das Frühlingsopfer? Der Frühling ist entschwunden, das Opfer bleibt. Noch immer hängt der Schweiß der Tänzer in der Luft, oder ist es der Angstschweiß des Betrachters? Noch dröhnen die düsteren Drumbox-Beats nach, pocht die beklemmende Atmosphäre der Bedrohung, zerrt und zehrt der Terror der Gewalt. Zittert die Gier, der Rausch. Eine Explosion der Grausamkeit. Der Lust am Töten. Ein artistischer Kraftakt, eine Strapaze, bedrückende Bilder. (...) Der Hauptpart des ersten Teils "Der Kuß der Erde", wird von rudimentären Techno-Trommelläufen und Percussionsreduktionen geprägt sein, die Tanzaktionen und Bilder des zweiten Teils, "Das große Opfer" wird dann Strawinskys originale Orchestermusik begleiten. Einen Höhepunkt an diesem Abend der Extreme bildet der der Eröffnungstanz von Joachim Schlömer: das zart-zögerliche beginnende Solo "Tanz der Jungfrau" zur Live-Begleitung durch die Pianisten Osia Toptsi und Michael Zischang (...).
Überblick
 
 
(...) hier im "Jungen Theater in der Altstadt" Düsseldorf, gewaltiger und gewalttätiger Tiefgang für Zuschauer, die das reality TV der Fernsehnachrichten noch nicht abgestumpft hat. (...) Die dreiteilige Dramaturgie ist durchdacht - vielleicht zu sehr. Den konkreten in Monologen erzählten Geschichten um Formen der Gewalt - im Krieg, auf der Straße, gegenüber Fremden, an Tieren - folgt ein abrupter szenischer Wechsel, nämlich der reine, schön fließende, sich selbst genügende "Tanz des jungen Mädchens", und darauf ein weiterer strenger Bruch, wenn das junge Mädchen und ein zweites zu Opfern einer marodierenden Jungengang werden, die ihre bösen Späße mit den beiden treibt. (...) Das Gefühl für die Allgegenwart von Gewalt heraufzubeschwören, ihre latente Anwesenheit spürbar zu machen - darum geht es dem Theater der Klänge. Das spürt man in jeder Minute der Aufführung, die Botschaft kommt rüber, rückhaltlos, ungefiltert, direkt (...)

Ballett/Tanz
 
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  25 Jahre THEATER DER KLÄNGE